Hannah

Ein Sonnenschein ohne viel Worte

HannahHannah kam im Alter von vier Jahren zu mir zur Therapeutischen Reitstunde. Sie ist schwer körperlich und geistig behindert, sprach nicht und verfügte kaum über einen erkennbaren Muskeltonus, der z.B. ein aufrechtes Sitzen ermöglicht hätte. Schon allein das Tragen von Hannah war anstrengend, da sie völlig in sich zusammen sackte und dadurch deutlich schwerer wirkte. Trotz ihrer schweren Behinderung nahm Hannah ihre neue Umgebung wahr und registrierte ebenso das Pferd, was immer ein Lächeln und beginnende Kontaktaufnahme mit sich führte. Hannah reagierte auf Zuspruch und Kontakt, brauchte aber auch permanente Zuwendung, um mit ihrer Anwesenheit bei uns und der Arbeit mit dem Pferd zu bleiben. Zu Beginn jeder Stunde waren Hannahs Finger deutlich durch eine Spastik verkrampft. Wir mussten vorsichtig die Fäuste öffnen und die Finger ausstrecken, damit Hannah das Pferd streicheln konnte. Der Kontakt mit dem Fell und der Mähne des Pferdes ist für Hannah ein wichtiges Instrument der Wahrnehmung. Das hat sich bis heute deutlich ausgeweitet. gezielte Bewegungen weiter zu ermöglichen.

Hannah war es ohne festen Halt durch eine weitere, auf dem Pferd sitzende Person nicht möglich, allein auf dem Pferd zu sitzen. Sie rutschte seitlich am Pferd runter. Ebenso musste sie, wegen deutlichem nach vorne Kippen und in sich Zusammensacken, stabilisiert werden. Wir erreichten ein temporäres selbstständiges Aufrichten des Oberkörpers durch fast permanentes Ansprechen. Ein nächster Schritt führte dazu, dass Hannah ihre „Mitte“ auf dem Pferd fand, d.h. sie rutschte kaum noch links oder rechts herunter. Ebenso konnten wir einen deutlichen Aufbau der Rumpfmuskulatur erreichen. Dies und eine Weiterentwicklung ihrer Balance, ihrem Gleichgewicht und ihrem Koordinationsvermögen haben dazu geführt, dass Hannah aufrechter sitzen konnte. Sie benötigte noch eine Stütze im Bereich der Lendenwirbel, da ihre Muskulatur und Körperbeherrschung noch nicht weit genug ausgeprägt waren, um sich im Beckenbereich genügend auszustrecken. Ganz ohne Hilfe sackte Hannah jedoch immer wieder, auch aus dem gestreckten Sitz, in sich zusammen bzw. zur Seite weg. Da diese Bewegungen so unvorbereitet und teilweise mit viel Gewicht passierten, war es zu dieser Zeit noch nicht möglich, Hannah allein auf dem Pferd sitzen zu lassen, auch wenn ich sie von der Seite aus gesichert hätte.

HannahEin großer Fortschritt war es, als sich die Spastiken häufig innerhalb weniger Minuten lösten, sobald Hannah Haut-Fell-Kontakt über die Hände oder das Gesicht aufnahm. Deshalb legten wir während dem Reiten ca. alle 10 Minuten eine Pause ein, in der sich Hannah zur Entspannung auf dass Pferd legen konnte. Das waren regelrechte „Glücksmomente“ für Hannah, sie lächelte, streichelte mit ihren gelösten Fingern über das Fell und durch die Mähne, gluckste vor Freude und jauchzte. Diese Reaktionen konnten wir kaum mit anderen Übungen reproduzieren.

Einen großen Erfolg zeigt Hannah in der Entwicklung ihrer Körperspannung. Nach ca. zehn bis fünfzehn Minuten fing Hannah inzwischen an, sich selbstständig aufzurichten, bis sie vollständig ausgestreckt und mit geradem Rücken auf dem Pferd saß. Anfänglich überstreckte sie sich dabei noch leicht, wodurch ich den Druck und die „positive“ Körperanspannung spürte, da ich nach wie vor mit auf dem Pferd saß. Ab diesem Zeitpunkt schaffte es Hannah, diesen aufrechten Sitz mit kurzen Unterbrechungen für ca. zwanzig Minuten zu erhalten. Hierbei stabilisierte ich sie zeitweise minimal in der Hüfte.

Hannahs Aufmerksamkeitsdauer hatte sich deutlich gesteigert. Wir mussten Hannah nicht mehr in kürzeren Zeitabschnitten ansprechen, um ihre Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Mittlerweile versuchte sie sogar durch Lachen oder zeitweises Lautieren unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie konnte dem Geschehen über die Zeitdauer von einer halben Stunde ohne Schwierigkeiten folgen. Weiterhin hatten sich die Spastiken von Hannah verringert. Eine fast völlige Entspannung aller Muskeln trat mittlerweile nach wenigen Minuten auf dem Pferd ein. Nach Aussagen der Mutter war die Abnahme der Muskelspastik noch ein bis zwei Tage nach der Therapie spürbar.

HannahHannah kommt weiterhin begeistert regelmäßig zur Therapeutischen Reitstunde. Ihre Freude ist nach wie vor ungeteilt, jedoch drückt sie es mittlerweile anders aus. Hannah ist deutlich „wacher“ und aufmerksamer geworden. Sie verfolgt Handlungen und Gespräche mit Anteilnahme. Ihre Reaktionen kommen spontaner und deutlicher.

Das bekommen wir auch auf dem Pferd zu spüren. Hannah hat deutlich an Körperspannung aufgebaut. Sie sitzt meist von Anfang an aufrecht und stabil im Oberkörper auf dem Pferd. Dies wird nur durch kurze Unterbrechungen, die meist lediglich wenige Sekunden andauern, gestört. Das aufrechte Sitzen erscheint ganz bewusst, was deutlich wird, wenn wir Hannah heranführen, sich auf das Pferd zu legen und zu schmusen. Sie ignoriert uns häufig und zeigt uns stattdessen, wie gut sie sitzen kann. Meistens holt sich Hannah erst am Ende ihrer Reitstunde ihre „Schmuseeinheiten“.
Obwohl Hannah, wie oben beschrieben, während dem aufrechten Sitzen kurzzeitig in sich zusammen oder zur Seite wegsackt, lassen wir sie seit einigen Reitstunden am Ende kurze Zeit allein auf dem Pferd sitzen und ich sichere sie von unten. Das ist deutlich anstrengender für Hannah, wird aber von ihr anfänglich über eine Strecke von 20 bis 30 Metern und inzwischen über mehrere Runden sicher gemeistert. Wir sind hier allerdings sehr von Hannahs Tagesform abhängig, da es für mich vom Boden aus schwer ist, einen spontan erschlaffenden Körper aufzufangen. Das bedeutet, dass wir das Freireiten zu Gunsten der Sicherheit nicht durchführen, wenn Hannah einen müden oder erschöpfen Eindruck macht.

Die stetige Verbesserung von Hannahs physischen und psychischen Zustand lässt uns die Prognose für weitere Fortschritte sehr positiv einschätzen. Wünschenswert wären zwar eine Aktivierung des Sprachzentrums, sowie eine Koordination der Greifaktivität. Ob diese Ziele erreicht werden können, ist unbestimmt und hängt unter anderem von Hannahs Schwere der Behinderung ab. Ein durchaus erreichbares Ziel ist die weitere Stabilisierung des Körpers durch Muskelaufbau und -aktivierung, ebenso ein weiteres Aufbauen von Körperspannung, um gezielte Bewegungen weiter zu ermöglichen.